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«Teil der Transformation zu sein, ist grossartig»

Kai Niebert, geboren 1979, ist Professor für Didaktik der Naturwissenschaften und Nachhaltigkeit an der Universität Zürich, Präsident des Deutschen Naturschutzrings – des Dachverbands der Umweltorganisationen Deutschlands – und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Gletscher-Initiative. Im Interview mit Marcel Hänggi spricht er über die Rolle der Schule in der Umweltkrise.

Du bist Naturwissenschaftler, Erziehungswissenschaftler und oberster Umweltlobbyist Deutschlands. Wie kam es zu dieser Kombination?

Mein Interesse für die Schule kam sehr früh: Meine Eltern hatten einen schlechten Schulabschluss, mein Vater war arbeitslos. Hätten meine Lehrer mich nicht früh gefördert, wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Das Interesse an der Umwelt verdanke ich meinen Grosseltern, die bei den Naturfreunden waren. Wenn andere zum Sommerurlaub in den Süden fuhren, waren wir den ganzen Sommer auf einem Naturfreundegelände bei Hannover zelten. Hier stellte sich nie die Frage «Mensch oder Natur». Es ging darum, mit der Natur zu leben. Zu meinem klimapolitischen Engagement brachten mich zwei Schlüsselerlebnisse. Mit achtzehn wurde ich auf einer Bergwanderung fast von einem Steinschlag erfasst. Ursache war das Auftauen des Permafrosts. Da realisierte ich, wie unmittelbar auch mich die Erwärmung betrifft. Und am Beginn meines Doktoratsstudiums, 2006, moderierte ich einen Workshop an einer Jugend-Umweltkonferenz im Bundestag. Da waren viele hoch motivierte Leute – aber sie hatten wenig Ahnung vom Klima. Das brachte mich auf die Idee für das Thema meiner Dissertation: Alltagsvorstellungen zum Klimawandel.

Für dich funktionierte die Schule gut. Heutige Klimastreikende fragen, warum sie angesichts der Zerstörung ihrer Zukunft die Schule überhaupt noch besuchen sollen. Warum sollen sie?

Wenn man denkt, es sei ja sowieso zu spät, so ist das brandgefährlich. Wer sich vor der Apokalypse sieht, resigniert schnell. Doch wir brauchen Ermächtigung, nicht Ohnmacht. Wer aus einer Ohnmacht heraus handelt, gerät schnell in Panik. Der Stopp der Klimakrise braucht ein schnelles Denken in langen Wellen, die Dekarbonisierung ist kein Sprint, sondern Marathonlauf. Und um diesen durchzuhalten, müssen wir mehr als nur die zwanzig Prozent der Bevölkerung erreichen, die sowieso zum progressiven Spektrum gehören. Da kann die Schule mit wichtige Grundlagen legen. 

Der Stopp der Klimakrise braucht ein schnelles Denken in langen Wellen, die Dekarbonisierung ist kein Sprint, sondern Marathonlauf.

Tut sie es auch?

Die Schule als Idee ist eine sehr gute Sache: Es geht um Bildung, Befähigung, Emanzipation. Aber tatsächlich unterliegen viele Schulen einer Fabriklogik aus dem 19. Jahrhundert. Sie ist darauf ausgerichtet, die Arbeitskräfte auszubilden, die den künftigen Wohlstand erschaffen. Das ist nicht im Sinne des humboldtschen Ideals, an dem sich unser Bildungswesen orientiert. Das Gymnasium hat in der Schweiz offiziell zwei gleichwertige Ziele: die allgemeine Studierfähigkeit und die vertiefte Gesellschaftsreife. In der Realität steht fast immer das erste Ziel im Vordergrund. Was die Gesellschaft in der Klimakrise braucht, ist eine stärkere Betonung des zweite Ziels: der Gesellschaftsreife. 

Woran scheitert es?

Das hat unter anderem mit der empirischen Wende in der Bildungsforschung seit den späten 1990ern zu tun. Es gibt heute unzählige Vergleichsstudien, es wurden gute Indikatoren entwickelt, um Kompetenzen zu messen. Aber damit verlor immer mehr an Bedeutung, was man nicht messen kann. Wir wissen mittlerweile gut, wie man mathematische Kompetenzen oder Lesekompetenzen erfassen kann. Die vertiefte Gesellschaftsreife kann man – bisher – nicht messen; die wissen wir noch nicht einmal treffsicher zu definieren. Ob jemand «vertieft gesellschaftsreif» ist, erkennt man in der Regel erst, wenn man den weiteren Lebensweg der ehemaligen Schülerinnen und Schüler betrachtet. 

In der Klimastreikbewegung sehe ich sehr viel Gesellschaftsreife. 

Ja. Bei aller Kritik an der einseitigen Fokussierung von Schule auf die berufsvorbereitenden Aspekte: Die Bewegung beweist, dass auch einiges gut läuft. Zumindest einige Schülerinnen und Schüler erlangen diese Gesellschaftsreife – mitunter auch gegen Widerstände der Schule. 

Die Klimastreikbewegung kommt vor allem aus den Gymnasien. Wie sieht es mit den Berufsschulen aus?

Es gibt in der Bewegung wenig Berufsschülerinnen und Berufsschüler. Das hat sicher mit der Belastungssituation zu tun: Lehrlinge haben oft weniger Kapazitäten.Wir müssen aber auch sehen, dass ein beachtlicher Teil der Streikenden aus dem Bildungsbürgertum kommt. Es wäre jedoch falsch, aus dieser Erkenntnis vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Klimaschutz ist längst kein Thema mehr, mit dem man nur linksgrüne Bildungsbürger erreicht. Umfragen zeigen, dass die grosse Breite der Bevölkerung die Energiewende will. Und zwar unabhängig vom sozioökonomischen Status. Und gerade in Berufsmaturitätsschulen treffe ich immer wieder besonders engagierte Personen an – Lehrende wie Lernende. 

Umfragen zeigen, dass die grosse Breite der Bevölkerung die Energiewende will. Und zwar unabhängig vom sozioökonomischen Status.

Ich habe den Eindruck, viele Lehrerinnen und Lehrer würden der Umweltkrisen gern mehr Gewicht einräumen, fühlen sich aber überfordert. Wie unterrichtet man das Thema? 

Es sollte immer wieder darum gehen, Brücken zu schlagen von der grossen Politik – Klimadiplomatie, CO2-Bepreisung, umweltschädigende Subventionen und so weiter – zur Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler. Das ist eine Übersetzungsleistung: Welchen Einfluss haben diese «grossen» Themen auf mein Verhalten? Es erstaunt mich aber immer wieder, mit wie grossen Augen mir die Studierenden zuhören, wenn ich von diesen Zusammenhängen spreche. Da gibt es grosse Erkenntnisdefizite. Wir konnten in einer Studie zeigen, dass die Lernenden in der Schule zwar über den Treibhauseffekt und Strahlungsspektren lernen, ihr Wissen über die Politik der Klimakrise aber von YouTube holen. Da muss Schule stärker werden. Politische Bildung dürfen wir nicht den sozialen Medien überlassen. 

Als Lehrerin oder Lehrer muss man zudem eine Gratwanderung schaffen: zwischen Verharmlosung auf der einen und Entmutigung auf der anderen  Seite. 

Das ist tatsächlich schwierig. Wir müssen die Klimakrise in ihrer Dramatik beschreiben, wir müssen aber auch von den guten Beispielen sprechen. Und ich sehe tatsächlich, dass sich etwas ändert. Die Corona-Konjunkturpakete sind zwar nicht so «grün», wie es nötig wäre, aber sie sind es doch ein bisschen. Man hat begriffen, dass die Klimakrise während der Pandemie nicht pausiert. Jetzt ist ein guter Moment, die grossen Fragen zu stellen: Was für eine Wirtschaft wollen wir, was für eine Mobilität und so weiter. Im Corona-Sommer wurden vielerorts Parkplätze in Sitzplätze für Strassencafés umfunktioniert, weil man wegen der Abstandsregeln mehr Platz brauchte. Da haben viele gemerkt, dass die Stadt den Menschen und nicht den Autos gehört. 

Wenn du sagst, die Corona-Konjunkturpakete seien ein bisschen «grün», hast du wohl eher Deutschland und die EU im Auge als die Schweiz … Wie verschieden ist die schweizerische Klimapolitik von der Deutschlands?

In Deutschland ist mittlerweile viel im Aufbruch. Das hat mit der Kohlekommission zu tun. Natürlich ist ihr Resultat ungenügend. Aber wichtig ist: Es wurde nicht mehr darüber geredet, ob man aus der Kohle aussteigen soll, sondern nur noch darüber, wie es geschehen soll. Die kulturelle Hegemonie hat sich geändert. In der Schweiz scheint man da etwas geruhsamer unterwegs zu sein. Die Schweiz hat keine Kohlekraftwerke und viel weniger Industrie, aber das grosse Problem der Schweiz ist ihr hoher Konsum, der die Umwelt im Ausland stark belastet. Die Schweiz hat eine wunderschöne Landschaft ohne so furchtbare Wunden wie die Kohle-Tagebaulöcher in Deutschland. Die Schäden sind weit weg. 

Du sprachst von der geänderten Hegemonie. Das war auch unser Eindruck, als wir uns die Stellungnahmen zum Gegenentwurf zur Gletscher-Initiative anschauten: Das Ziel, die Emissionen auf null zu senken, stellt fast niemand mehr in Frage. Aber es sind doch erst wenige bereit, die Konsequenzen daraus zu ziehen: Man will fossile Energien loswerden, aber nicht verbieten; man setzt auf technische Lösungen …

Das ist in Deutschland genau so wie in der Schweiz. Rhetorisch bekennen sich fast alle zum 1,5-Grad-Ziel, aber wenn es konkret wird, wird es schwierig – vor allem, wenn konkrete Massnahmen nicht bloss technisch sind, sondern wenn wenn es darum geht, etwas grundsätzlich anders zu machen. Wenn es den Lebensstil betrifft, kommen die grossen Widerstände. 

Was ist deine Motivation, im wissenschaftlichen Beirat der Gletscher-Initiative mitzumachen?

Ich finde die Initiative sehr gelungen, weil sie die Verbindung herstellt zwischen der globalen Krise und der lokalen Natur und Kultur. Darum: grosses Kompliment an euch! Die Gletscher-Initiative hat es geschafft, zu einer kulturellen Hegemonie beizutragen, die den Stopp der Klimakrise zur Tagespolitik macht. Wer sich gegen klimapolitische Massnahmen wehrt, muss sich erklären, warum er die Gletscher opfern will. 

Die Gletscher-Initiative hat es geschafft, zu einer kulturellen Hegemonie beizutragen, die den Stopp der Klimakrise zur Tagespolitik macht.

Bist du optimistisch?

Wir leben in sehr spannenden Zeiten. Langsam verlassen wir die Haltung des Kaninchens vor der Schlange. Wir beginnen, die Gesellschaft umzubauen. Die Schweiz wird sich 2030 auch bezüglich Lebensstile verändert haben, 2035 noch mehr. Teil dieser Transformation zu sein, ist grossartig. Gewiss verzweifle ich immer mal wieder, weil es nicht schneller geht – aber dann sehe ich auch immer wieder mit grossem Erstaunen, was sich ändert. Diesen Prozess mitgestalten zu können, ist wunderbar.